homo homini lupus

Ausstellungsraum Kantonsschule Zürich Nord

Slings

untitled
(Tailgate of Toyota Hilux, Spraypaint)

Abu Zubaydah - Poster Child

Früchte des Zorns,
Slings

Flags

Früchte des Zorns

Früchte des Zorns

Slings (detail)

Exhibition Views: Homo Homini Lupus, Ausstellungsraum Kanzonsschule Zürich Nord, 2016

HOMO HOMINI LUPUS
Ausstellungsraum Kantonsschule Zürich Nord
04. November – 9. Dezember 2016

Text: Alexandra Blättler

Das Experiment ist seit je her Teil der künstlerisch-fotografischen Auseinandersetzung von Michael Etzensperger.
Während er in seinen früheren Arbeiten vor allem Materialien in Bezug auf ihre Möglichkeiten auslotete, wagt er sich aktuell an brisante Themen heran und behandelt diese mit unterschiedlichsten Medien und Techniken, die das Feld der klassischen Fotografie
weitgehend verlassen haben. Nach wie vor ist jedoch der Akt der Manipulation tragend. Auch für seine neueste Serie von Arbeiten spielt das Hinterfragen des uns über die Medien vermittelten Topos der Fotografie eine entscheidende Rolle. Womit konfrontieren uns die täglichen Nachrichtendienste? Wie stark prägen mediale Bilder unsere Wahrnehmung des scheinbar allgegenwärtigen Krieges? Welche zeitgenössische Ästhetik von Krieg wird durch die Printmedien und das Internet in unser Gedächtnis eingebrannt?

Über längere Zeit hat sich Etzensperger mit dem Phänomen des zeitgenössischen Krieges auseinandergesetzt, sei dies durch das Sammeln und Verwerten alltäglicher Bilder und journalistischer Texte, oder über Literatur, die den heutigen Krieg analysiert und in einen historischen Kontext stellt. Den klassischen Staatenkrieg gibt es kaum mehr, an seine Stelle ist der so genannte asymmetrische, kleinteilige Krieg gerückt (cf. Politikwissenschaftler Herfried Münkler). Einst gängige Regeln werden zunehmend ausser Kraft gesetzt und sogar Grossmächte schrecken nicht mehr davor zurück Institutionen wie die Genfer Konventionen oder die UNO Menschenrechtscharta bei Bedarf zu ignorieren. So hat sich Michael Etzensperger zum Beispiel mit dem Terrorismusverdächtigen Abu Zubaydah in einer grossformatigen, fotografischen Arbeit (Abu Zubaydah - Poster Child, 2016) befasst. Zubaydah wurde verdächtigt, innerhalb der Hierarchie bei Al Quaida von grosser Wichtigkeit zu sein. Seit 2002 ist er in Haft und wartet auf einen Gerichtsprozess. Trotz umfassender Kooperationsbereitschaft wurde er verschärften Verhörmethoden unterzogen, welche Foltertechniken wie Waterboarding beinhalteten. Er wurde zum hochgefährlichen Krieger erklärt, was wiederum als Rechtfertigungsgrundlage für Guantanamo benutzt wurde.

In der Konzeption seiner Werke ist es dem Künstler wichtig, Ästhetik und Inhalt gleichberechtigt zu vereinen. Ohne sich einen Spezialisten bezeichnen zu wollen, beschränken sich seine Arbeiten nicht auf ein reines Kokettieren mit Bildern der Gewalt. Der Betrachter mag das Gesicht des um die Welt gegangenen, einäugigen Mannes wiedererkennen. Hier jedoch hängt das Gesicht
kopfüber – eine Wasserpfütze umspielt das aus einer Zeitung entnommene Portrait. Mit wenigen, konsequent eingesetzten Stilmitteln gelingt es dem Künstler Inhalt und Form in Einklang zu bringen: er stellt eine zur Ikone gewordene Figur einem Baselitz nicht unähnlich auf den Kopf. Dabei macht der Künstler gerne den Vergleich mit der biblischen Legende von David und Goliath. Während Goliath als schier unbesiegbare Grösse vor einem Heer von Philistern steht, verteidigt sich der viel schwächere Hirte David mit einer Steinschleuder und besiegt den Riesen. Ist der kapitalistische Westen vielleicht der vermeintlich unbesiegbare Riese? Die besagte Bibelgeschichte findet ihrerseits durch eine Gruppe minimal geknüpfter Seile, die auf Steinschleudern verweisen, als Skulptur Eingang in die Ausstellung.

Anstelle von schwerem Kriegsgerät, werden vermehrt zivile Nutzfahrzeuge mit Waffen bestückt und so zur Kriegsapparatur umfunktioniert. Toyotas Pritschenwagen Hi-Lux hat in diesem Kontext geradezu eine ikonische Qualität erreicht. Wer kennt die Bilder der bewaffneten Kämpfer auf der Ladefläche dieser Pickups nicht. Auch hier verweist Etzensperger mit einer minimalen Wand-Skulptur, einem camouflierten Heck des genannten Modells, auf eine zeitgenössische Ikone.

Weitere Arbeiten referieren auf die mediale Rezeption und streichen heraus, wie bewusst diese in der heutigen Kriegsführung eingesetzt wird. So zeigen mehrere durch Siebdruck bedruckte und mit Neonröhren hinterlegte Plexiglasplatten IS-Propagandamaterial in Form abstrahierter Szenen der Zerstörung wichtiger Kulturgüter in Nimrud, Mosul oder Hatra (Früchte des Zorns, 2015). Ein weiteres Bild (flags, 2016) beinhaltet eine uns aus den Messenger-Diensten bekannte Sprechblase, gefüllt mit den Emoji-Flaggen, die aktuell auf Wikipedia unter Ländern mit Konfliktpotential aufgeführt sind. Der Abschluss der Ausstellung bildet die Video-Arbeit Hit and
Run (2016), die wiederum das Symbol des Toyota Pickups aufnimmt und in einer rasanten Bildabfolge, inklusive Pausen, tonlos den Rhythmus der Schusswaffen wiedergibt.

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